European Noodle Contest – Zurich 2014
Sonntag, 2014-05-11 | 21:06:33 CET
Warum soll man sich mit schrägem Gesang, polnischen Bäuerinnen mit grosser Oberweite und Isländern in bunten Anzügen beschäftigen – für mich viel relevanter als der ESC ist der ENC.
Im Rennen: Rustichella d’abruzzo-Spaghetti aus Reis, Felicia Bio aus Reis und Mais, Schär Spaghetti aus Reis, Mais und Hirse, Rizopia Spaghetti aus Vollkornreis, King Soba-Spaghetti aus Buchweizen, Pasta Avanti-Spaghetti aus Mais, Kartoffeln und Guarkernmehl, sowie BiAglut PastaMia-Spaghetti aus Mais, Kartoffeln und Lupinen [1].

Damit sich kein Hersteller schlecht behandelt fühlt, gibt es heute nicht nur einen Sieger. Glutenfrei (das für mich entscheidende Attribut) sind alle Produkte, teuer leider auch. Dazu ist nahezu allen glutenfreien Nudeln gemeinsam, dass die Kochzeit sehr viel kritischer ist, und sie selbst bei optimaler Zubereitung gerne etwas klebriger und trockener wirken als man das von normalen Nudeln kennt.
Der Preis für das bizarrste Esserlebnis geht an die King Soba Buckwheat Noodles – die roh dunkelbraunen Nudeln mit der Konsistenz von Plastik färben das Kochwasser weiss und kommen dann als Haufen hellgrauer, schleimiger Regenwürmer auf den Tisch, bei denen man jeden Moment damit rechnet, dass sich auf dem Teller etwas bewegt.
Der Preis für die interessanteste farbliche Erscheinung geht an die Felicia Bio-Nudeln, wobei die Penne derselben Marke (nicht im Bild) noch ausgeprägter sind als die Spaghetti – die grell orangenen Pasta färben das Wasser graugrün (!), schmecken dann aber ganz anständig.
Die Trophäe für die weissesten Spaghetti meines Lebens geht an das Produkt von Rustichella d’abruzzo. Sonst kann man leider nicht viel Gutes sagen über die Nudeln, aber wer mal etwas Ungewöhnliches auf dem Teller haben will – die Reisspaghetti haben definitiv Exotenstatus. Damit glänzt man als Gastgeber bei jeder Einladung!
Die Auszeichnung für die offiziell ausgezeichnetsten Spaghetti geht an Rizopia („free from food awards 2013 – gluten-free pasta winner“). Auch sonst sind die Nudeln gut, erinnern mich farblich aber etwas zu sehr an Vollkornnudeln, als dass sie mich glücklich machen könnten.
Der Trostpreis für den bekanntesten Grosshersteller geht an Schär (jeder mit Zöliakie geschlagene dürfte die Firma kennen), wobei die Nudeln auch ohne den bekannten Namen in jedem Test gut aussähen – der Biss geht in Ordnung, die Farbe ist natürlich, und wären sie nicht wie die meisten glutenfreien Nudeln etwas klebriger, als man das von Weizennudeln gewohnt ist, würde man vielleicht nicht einmal merken, was man da isst. Es reicht aber im Gesamt-Ranking nur für Platz 3 (geteilt mit Felicia und Rizopia).
Der Sonderpreis für den sympathischsten Kleinhersteller geht an Pasta Avanti mit, wenn man der Website [2] glauben darf, rund einer Handvoll Mitarbeiter. Dazu sind Aroma und Biss sehr gut, allerdings sind die Spaghetti etwas blass, im Querschnitt eckig statt rund und werden als Kneuel geliefert, nicht in gerader Form. Trotzdem die zweitbesten in meiner Rangliste!
Der Überraschungssieger trotz bizarrer Zutaten, was Farbe, Biss, Geschmack und Klebrigkeit angeht, sind die BiAglut PastaMia. Sie sehen roh wie gekocht praktisch völlig normal aus, sind rund, haben eine gute Dicke, sind auf dem Teller deutlich weniger klebrig und trocken als alle anderen Mitbewerber und könnten wirklich normale Weizennudeln sein – bei diesem Produkt bin ich sogar ziemlich überzeugt, dass sie einen Blindtest gegen Weizennudeln bestehen und nicht als glutenfrei identifiziert werden könnten. Die müsste es jetzt nur noch beim Italiener um’s Eck geben. Aber Pasta im Restaurant, das werde ich mir wohl dauerhaft abschminken müssen. Und zähneknirschend die CHF 9.50 bezahlen, die die BiAglut im Bioladen kosten (500g).
Update, 2014-05-27: … und kaum ist das Ergebnis des ENC publiziert, schon erscheint ein weiterer heisser Kandidat als Nachzügler auf der Bildfläche (allerdings nicht hier, ich war zu faul zum fotografieren), und diesmal ist es der 1000-Pfund-Gorilla: ich habe der Firma ihren letzten Skandal zwar nicht verziehen [3], aber bin doch etwas milder gestimmt, wenn Barilla leckere glutenfreie Nudeln auf den Markt bringt. Und das ist geschehen, oh Wunder … die glutenfreien Spaghetti [4] bestehen aus zweierlei Mais sowie Reis, sehen den Felicia Bio ähnlich und haben den typischen, etwas strengen Mais-Geruch. Das Kochwasser aber sieht relativ unverdächtig aus, die Nudeln sind fertig gekocht von normalen Spaghetti praktisch nicht zu unterscheiden und haben einen sehr guten Biss. Auf Anhieb Platz eins neben BiAglut. Wem Lupinen also ungeheuer sind, der kann auch zu Barilla greifen und eine homophobe Firma unterstützen.
[1]
http://de.wikipedia.org/wiki/Lupinen
[2]
http://www.pastaavanti.ch/
[3]
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/skandal-um-nudelproduzent-...
[4]
http://www.barillapasta.ch/ch_de/produkte/pasta/glutenfrei/Spagh...
Ach herrjeh!
von AnneCatherine - Mittwoch, 2014-05-14 | 14:51:14 CET
Das waren noch Zeiten, als du statt Pasta aufregende Alkoholika testen konntest ….
Aber ich leite das Resultat deiner Bemühungen an eine betroffene Freundin weiter.
Immerhin erweitert das deine Expertenkompetenz (siehe letzter Blogeintrag, der mir endlich das Wie&Was deines Wirkens plastisch vor Augen führte, köstlich!).
Aufregende Alkoholika …
von Jan - Mittwoch, 2014-05-14 | 20:15:01 CET
… dass ich nicht lache! Vermutlich hat das damalige Experiment meine Erkrankung erst ausgelöst! :-)


