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Amerika, Teil 3

Mittwoch, 2016-11-09 | 23:15:47 CET

Zum heutigen Wahlausgang fällt mir buchstäblich nichts mehr ein, mindestens nichts bislang Ungedachtes, Ungeschriebenes.

Aber wie schon andere richtig bemerkt haben, hatte dieser Wahlkampf inklusive Ausgang etwas von einem schrecklichen Verkehrsunfall: man will nicht hinsehen, aber kann irgendwie auch nicht anders. So sehe also auch ich hin, und widme meinen dritten Artikel zu Amerika nicht einem Urlaub, oder einer deprimierenden Fernsehserie, sondern der noch deprimierenderen Wirklichkeit – und den Dingen, die ich heute gelernt habe.

http://blog.dgbrt.ch/img/2016/usa_dark.png


1. Ich habe heute gelernt, dass die Vorhersage von Wahlausgängen ein schwieriges Geschäft ist, und offenbar auch die smartesten Modelle den Aufwand nicht wert sind.

2. Ich habe heute gelernt, dass man lügen, bei den Steuern tricksen, Familien gefallener Soldaten verhöhnen, sich über Behinderte lustig machen, seinem politischen Gegner Gefängnis androhen, den Bau von Mauern zu Nachbarländern ankündigen, mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlen, für Folter eintreten, eine jüdische Weltverschwörung postulieren und dennoch Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden kann.

3. Ich habe heute gelernt, dass ich in den kommenden vier Jahren keine weiteren USA-Reisen mehr unternehmen werde.

Wer weiss. Vielleicht ist der Mann vernünftiger, als er sich die letzten Monate gegeben hat. Und weniger radikal. Und weniger beratungsresistent. Auch er hat eine Chance verdient. Hysterie ist nie gut. Aber optimistisch … bin ich wirklich nicht.

 

Kommentare
 

Und das sagt die Kollegin

von Jan - Mittwoch, 2016-11-09 | 23:34:23 CET

=> http://blogsatz.ch/nein-3/
 

Reisen

von AnneCatherine - Donnerstag, 2016-11-10 | 8:22:23 CET

Keine USA-Reisen. Keine Türkei-Reisen. Kein  …-Reisen.
Das habe ich schon als Kind gelernt. Bei uns gabs keine Spanien-Reisen wegen Franco. Keine Granny Smith wegen der südafrikanischen Apartheidregierung. Keinen Eisbergsalat, weil zusammen mit dem Salat die mexikanischen Grenzgänger von Düngeflugzeugen aus grad miteingesprüht wurden. Das prägt. Und ist OK.
 

Unerwartet …

von Schubsi - Donnerstag, 2016-11-10 | 10:05:44 CET

 …so unerwartet war der Wahlausgang wohl nicht, zumindest außerhalb der europäischen Filterblase. Und meiner Meinung hatten die Amerikaner auch nicht wirklich eine Wahl, maximal die zwischen Pest und Cholera. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.

Habe gestern im Radio (Bayern 2) ein sehr erhellendes Interview mit Martin Richenhagen gehört, der meinte, er verstehe die Verwunderung in Europa nicht. Und: dass Clinton in den USA sehr (um nicht zu sagen extrem) unbeliebt ist, in weiten Teilen der Bevölkerung. Und selbst weite Teile ihrer Wählerschaft sie nur aus Angst vor Trump gewählt haben …

Naja, wir werden uns überraschen lassen müssen. Trumps erste Ansprache nach dem Sieg war ja vielleicht ein Fingerzeig in die richtige Richtung.

Zum Thema Meinungsinstitute und Vorhersage habe ich ja meine eigene, bescheidene Theorie: sie sind weder nützlich noch zielführend. Im Gegenteil. Ich könnte mir vorstellen, dass Vorhersagen – und vor allem das Publik machen – zum Ausgang einer Wahl selbige beeinflussen. Es ist ja leichter, einen Kandidaten/eine Partei »mal aus Protest« zu wählen, wenn man nicht befürchten muss (die Vorhersage sagt ja etwas anderes), dass dadurch ein Sieg am Ende herauskommt.

Jedenfalls sind unsere Flugtickets für einen zwei-monatigen USA-Aufenthalt nächstes Jahr schon gebucht (übrigens bei der SWISS) und ich freue mich auf den zweiten Teil meiner Elternzeit. Ob mit oder ohne Trump … ;-)

So long …
 

Reisen & Unerwartet

von Jan - Donnerstag, 2016-11-10 | 22:24:50 CET

@ AC:

Jeder muss für sich wissen, wann es dann auch wieder zu viel wird mit Korrektheit und Boykotten (und jeder zieht seine Linie anders), sonst machen wir alle ausschliesslich Ferien in Balkonien und ernähren uns von selbstgezogenen Radieschen. Andererseits: ich konnte in den USA nicht mit abstimmen, obwohl mich einige Auswirkungen potentieller Trump'scher Politik durchaus tangieren dürften (z.B. Klimaschutz?). Da ist es für mich nicht nur ganz normale gelebte Marktwirtschaft, sondern auch eine legitime »Abstimmung mit den Füssen«, wenn ich mein Urlaubsgeld anderswo spendiere. Ich verbiete niemandem sonst, weiter nach Amerika zu reisen, aber mir ist einfach ein bisschen die Lust vergangen. Naja, und ausserdem war ich ja erst neulich da :-)

@ Schubsi:

Ich gebe Dir in den meisten Punkten recht. Von einer »Filterblase« würde ich aber dann schon nicht ganz sprechen wollen … heute hat jeder die Chance, sich von fast allem und jedem ein faires Bild zu machen. Über die Gesinnung eines signifikanten Teils der amerikanischen Bevölkerung habe ich mir nicht gar zu viele Illusionen gemacht, und anders als viele war ich absolut nicht sicher, dass es »automatisch Hillary« wird. Ich bin nur der Illusion aufgesessen, dass es etwas zu bedeuten hat, wenn sich praktisch alle, und auch sehr seriös arbeitende, Demoskopen einig sind, dass Trump nahezu keine Chance hat. Und wenn selbst streng konservative Blätter ihren Lesern die Stimmabgabe für Hillary empfehlen. Last but not least war ich schlicht davon ausgegangen, dass Trump sich lange und konsequent genug vollkommen unmöglich (und unwählbar) gemacht hat.
 

Aber klar!

von AnneCatherine - Freitag, 2016-11-11 | 9:41:43 CET

Wenn ich schreibe »keine Reisen nach wo auch immer« ist das kein Nicht-Marschbefehl an tutti quanti, sondern meine kleine und private Haltung zum Ganzen.
Wer bin ich denn, dass ich anderen etwas vorschriebe, noch heisse ich nicht Putin ;)
In diesem Sinne: Vaya con dios!

PS. Mit dieser Diskutiererei werde ich noch zum Rechengenie, Jan sei Dank!
 

No worries …

von Jan - Freitag, 2016-11-11 | 12:29:09 CET

 … so hatte ich es auch nicht aufgefasst, AC. Ich wollte eher verhindern, dass Kollege Schubsi meint, ich wolle ihm seine Reise madig machen :-)

Und das mit dem Rechnen, tja – irgendwas Gutes muss der dumme Captcha-Mechanismus ja haben. Ich könnte aber irgendwann den Schwierigkeitsgrad erhöhen und Gleichungen lösen lassen, oder so!