dgbrt.ch

10

Montag, 2010-11-29 | 20:46:06 CET

Vorgestern hat sich zum zehnten Mal ein für mich einschneidendes Ereignis gejährt, das im wahrsten Sinn mein Leben und natürlich mich verändert hat: am 27. November 2000 hatte ich mich nach einigem Vorbereitungsaufwand, viel Stress und viel Bangen und hochnervös mit einem Einweg-Ticket in den Zug von Nürnberg nach Zürich gesetzt, ohne wissen zu können, wie mein (damals auf drei bis maximal fünf Jahre terminiertes) grosses Auslandsabenteuer ausgehen würde. Ein sehr seltsames Gefühl war das, die Heimat nach 27 Jahren zu verlassen, ohne Garantie, dass ich mein restlos in Einzelteile zerlegtes Leben wieder zusammensetzen können würde.

Der Reichtum an Erfahrungen, die ich in den folgenden zehn Jahren machen durfte, guten wie schlechten, ist riesig, und hat mich reich entlohnt; und über die Dinge, die mir widerfahren sind, könnte man anstelle eines Blog-Artikels ein ganzes Buch schreiben. Dampft man die ganzen zehn Jahre ein auf einige wenige Zeilen, bleibt noch immer genug scheinbar Widersprüchliches zu erzählen: von der herzlichen Aufnahme im Gastland einerseits und beissender Einsamkeit andererseits, von den Schwierigkeiten und der Freude an der um mich herum gesprochenen Sprache (und dem elenden, unlösbaren Konflikt, wie man als Deutscher damit umgehen soll) … von den unglaublich hohen Lebenshaltungskosten und den schockierend tiefen Steuern, die es wieder ausgleichen, von der anfänglichen Achterbahn aus Staunen, Begeisterung und Verzweiflung, sowie von der Prophezeiung einiger Kollegen, die dann nach Jahren doch noch wahr geworden ist – dass ich irgendwann würde bleiben wollen. So ist es nämlich gekommen.

Erzählen könnte ich auch von meinem beruflichen Werdegang, von der völlig neuen Richtung, die ich nach einigen Irrungen und Wirrungen eingeschlagen habe. Von der Erfahrung, die ich gesammelt habe und dem bescheidenen Aufstieg, der mir gelungen ist. Stattdessen könnte ich auch erzählen vom schleichenden Verlust meines fränkischen Zungenschlags im selben Zuge, wie sich Schweizer Satzmelodie, Betonung und auch einzelne Wörter in meine Sprache eingeschlichen haben. Nicht zu reden vom Zwischenmenschlichen; den Freundschaften auf Distanz, von denen über kurz oder lang viele versandet sind, und das leider schneller, als neue lokale Freundschaften entstehen konnten. Von ein paar schwierigen Beziehungen und meiner grossen Liebe, die ich hier inzwischen gefunden habe. Aber auch von seltsamen Gepflogenheiten, an die ich mich gewöhnen durfte (Käsefondue) oder musste (Waschküchenritual, Papierbündeln …). Von einem angerissenen Meniskus beim Schlittenfahren, der dann bei einem abenteuerlichen Auslandsaufenthalt in Singapur, Jahre später, zu flicken war. Und so weiter und so weiter … Geschichten! An vieles habe ich mich gewöhnt, manches lieben gelernt, und schlussendlich gibt es auch immer Dinge, mit denen man nie zurechtkommt. Das Unbegreiflichste für Nichtschweizer in diesem Land dürfte wohl immer noch die Politik sein.

Apropos Politik: Leider, und auch das will ich nicht unter den Tisch fallen lassen, fällt das zehnjährige Jubiläum meiner Einreise zusammen mit dem – nach der Zustimmung zu der noch unerträglicheren und noch sinnloseren »Minarett-Initiative« [1][2] vor einem Jahr – sehr unerfreulichen Erfolg der »Ausschaffungsinitiative« [3]. Als wäre die Hysterie um die »massenhafte« Zuwanderung vor allem auch aus Deutschland, die wir davor erleben mussten, nicht schon genug gewesen. Die Schweizer haben ihr Land ein Stück weit isoliert und in Europa an den rechten Rand gerückt. Die fremdenfeindlichen Untertöne sind meist nicht so gemeint, aber werden nicht nur im Ausland zwischen den Zeilen eben doch als solche wahrgenommen, und mein Gastland ist mir auf diese Weise leider, so wohl ich mich hier noch immer fühle, ein Stück unbegreiflicher geworden. Zum Glück erlebe ich im Alltag, Tag für Tag, die Schweizer als das, was sie eigentlich sind – ein herzensgutes, freundliches Volk, das mich gut aufgenommen hat – allerdings auch deswegen, weil ich mich wie ein Gast benommen und mein Gastland respektiert habe.

Schlussendlich bleibt mir nur festzuhalten: es hat sich gelohnt. Der Wendepunkt in meinem Leben vor zehn Jahren war der Startpunkt für eine bunte Reise durch einen spannenden Lebensabschnitt. Ich verdanke der Schweiz einiges, aber der entscheidende Punkt ist immer noch der Ruck, den man sich geben muss, will man einen solchen Schritt machen. Ich kann nur jeden ermutigen, wenigstens einmal in seinem Leben etwas ganz Neues anzufangen.

[1] => /cgi-bin/blog.cgi/action=view/id=05b7d9
[2] => http://de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_Minarettstreit
[3] => http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-Schweizer-haben...

 

Kommentare
 

Gratuliere!

von AnneCatherine - Montag, 2010-11-29 | 23:06:00 CET

Was, schon 10 Jahre in unserem kleinen Land! Und noch nicht ausgeschafft …
Stattdessen wurden Nürnberger Röstbratwürste eingeschafft und bereichern seit der EM meinen sommerlichen Speiseplan.
Tja, dann wünsche ich dir weitere 10 spannende Jahre!
 

Gratulation

von Schubsi - Dienstag, 2010-11-30 | 0:31:26 CET

Lieber Jan,

als eifriger Leser deines Blogs und leider weniger eifriger Kommentierer, auf diesem Wege herzlichen Glückwunsch zum Zehnjährigen. Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Ich hätte es mir nie träumen lassen, dass du a) überhaupt so lange in der Schweiz bleibst, b) für immer in der Schweiz bleiben willst und c) wir uns trotzdem nie ganz aus den Augen verloren haben.

Ganz liebe Grüße
Schubsi
 

Danke danke …

von Jan - Mittwoch, 2010-12-01 | 22:09:14 CET

 … zuviel der Ehre. Obwohl, das mit den Würstchen, das ist eventuell wirklich mein Verdienst. Was mir hier sonst noch fehlt, ist ordentliches Brot und Bier, aber mindestens letzteres kann man ja auch in etwas grösseren Mengen problemlos einführen.
 

Brot

von AnneCatherine - Montag, 2010-12-06 | 12:30:54 CET

Also wenn du dieses dunkle leicht säuerliche BRot meinst, das gibnts seit einiger Zeit am Helvetiaplatzmärt, soweit ich weiss nur in grossen Viertellaiben, aber vielleicht auch kleiner. Es ist aber sehr haltbar und wirklich total gut! besser ist nur noch la Baguette – sagt die Halbfranzösin ;)