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Ein Schuss Kultur am Samstagabend

Sonntag, 2006-05-07 | 16:44:16 CET

Der Kunstraum Walcheturm [1] ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. Der im Züritipp lapidar als »Sebastian Hofmann (dr, electr)« für gestern, 21 Uhr, unter »Musik, Elektro« angekündigte (und auf der Walcheturm-Site nicht näher beschriebene) Event erwies sich als ein Stückchen Hochkultur, d.h. ein Konzert sogenannter »neuer Musik«.
Unter dem Titel »Elektrobeat – Wechselschläge am Takt der Zeit« wurden durch Sebastian Hofmann insgesamt sieben Stücke in Folge geboten, die allesamt auf einem umfangreichen Programmzettel beschrieben waren, theoretischer Ballast inklusive. Dies waren … Gary Berger: »Langsam«, Jörg Köppel: »mess&math«, Thomas Wenk: »Taurus CT-600« – für zwei Kassettenrecorder (!), Gary Berger: »31 mal lösen«, Michael Heisch: »kykloi«, Isabella Branc: »Transit-Arena – eine Intervention«, Vinko Globokar: »Ombre«.
Eine interessante Mischung, von Sebastian Hofmann mit viel Einsatz und sehr gut gespielt. Besonders reizvoll aus meiner Sicht war das Stück für zwei Kassettenrecorder, das wirklich nur mit diesen bestritten wurde. Erstaunlich, was man aus zwei so simplen Geräten mit einer präzisen Tastenakrobatik (exakt nach Notenblatt), Rückkopplungs- und Rauscheffekten klanglich herausholen kann. Allerdings hatte diese Performance neben dem »klassischen« Avantgarde-Touch auch etwas liebenswert Altmodisches, im Zeitalter der MP3-Player.
Auch sehr beeindruckend »31 mal lösen«, bei dem Büroklammerteile auf einer quadratischen Fläche mit rhythmisch angesteuerten Elektromagneten buchstäblich zum Tanzen gebracht wurden (das Technorama Winterthur lässt grüssen) – inklusive abgefilmtem Live-Bild, per Beamer projiziert, ergab sich mit dem Klappern und Rasseln, den Klangkaskaden und Feuerstössen, ein Stück von fast hypnotischer Wirkung.
Ansonsten zu bewundern: ein tolles Instrumentarium, inklusive Kurbel-Grammophon und Luftbefeuchter. Pling, kloing, zisch, tüüt. Und dazwischen verschaffte sich Mutter Natur in Form eines schreienden Babys und eines mitheulenden Hunds im Publikum Gehör, das sind die »echten« Klangereignisse, die nicht planbar sind, aber in diesem Rahmen irgendwie dazupassten.

[1] => http://www.walcheturm.ch/

 

Kommentare
 

Seufz.

von Mirko - Mittwoch, 2006-05-17 | 19:22:54 CET

Das erinnert mich an die Performance von Annie Gosfield in Nuernberg in der grossen Maschinenhalle von MAN. Mensch, Jan, das waren noch Zeiten; ist jetzt wohl auch schon bald 10 Jahre her oder so … schwelg …
 

Du meinst …

von Jan - Donnerstag, 2006-05-18 | 19:40:52 CET

 … die Veranstaltungsreihe, wo vorher jemand das QM-Handbuch von Siemens vertont hatte? Und wo ich den ganzen Abend mit einem eingepackten, stark nach Knoblauch riechenden Hackfleischküchlein in der Hosentasche herumgesessen bin? :-)

Ich musste eher an den verrückten Franzosen im E-Werk denken, der eine mit Tonabnehmer versehene Stahlblechplatte mit einer Minibohrmaschine bearbeitet hat, und dessen magischer Koffer mit dem elektronischen Kram einen Schaltfehler hatte, durch dessen »Knacksen« (über x-hundert Watt starke Boxen) ich so erschrocken bin, dass ich mich beinahe per Kinnhaken mit der Bierflasche ausgeknockt hätte.