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Ein kleiner Rundgang durch die moderne Finanzwelt [FINANCE POST]

Sonntag, 2012-08-05 | 23:35:26 CET

Über einen Mann namens Kerviel (SocGen, 4.9 Mrd Euro) und einen namens Adoboli (UBS, 2 Mrd Dollar) hat man noch gestaunt, in den letzten Jahren. Mag auch der Verdacht (oder die Behauptungen) im Raum gestanden haben, diese »rogue traders« hätten eben nicht als Einzelpersonen, sondern mit stillschweigendem Einverständnis ihrer Vorgesetzten gehandelt, so konnte man diese unappetitlichen Geschichten noch leicht ignorieren und in den Fällen bedauerliche Pannen sehen. Wo so viele Menschen arbeiten, da gibt es halt auch schwarze Schafe …

Inzwischen sind wir aber schon viel weiter. Ein grosser Broker mit sowieso nicht ganz einwandfreier Vergangenheit verspekuliert sich und stopft die Löcher mit etwa 1.2 Mrd Dollar aus Kundenkonten (MF Global, [1]). Eine Investment-Firma geht ähnlich vor und bedient sich ebenfalls an Kundengeldern (wobei nur 200 Mio Dollar verschwunden sind, aber dafür der Betrug schon seit zwanzig Jahren läuft – PFGBest, [2]). Die relevanten Aufsichtsbehörden merkten lange genug nichts. Von Maddoff und seinen vielen Nachahmern reden wir erst gar nicht.

Neben all den Betrugsfällen vermag man sich über einfache Dummheit fast nicht mehr aufzuregen. Eine namhafte, für ihr vermeintlich erstklassiges Risk Management bekannte Investment Bank verliert mit Absicherungsgeschäften (?) 5.8 Mrd Dollar (JPMorgan), wobei allerdings auch hier inzwischen der Verdacht böswilliger Absicht besteht [3]. – Einen Geschwindigkeitsrekord verdankten wir jüngst dem technischen Fortschritt: 440 Mio Dollar in einer Dreiviertelstunde in den Sand gesetzt und die amerikanische Börse einen Tag massiv in Aufruhr versetzt, all das war problemlos möglich dank modernem, vollautomatischem high-frequency trading (Knight Capital, [4]).

Über »gelungene« IPOs (Facebook, federführend: Morgan Stanley), die dann auch bei anderen grossen Playern zu massiven Verlusten führen (UBS, Schaden: 350 Mio Dollar [5]) und massive Vorwürfe der Geldwäscherei (HSBC, [6]) schlagen wir den Bogen zum grössten Skandal, den die Bankenwelt vermutlich jemals gesehen hat – die systematische Manipulation wichtiger Referenzzinssätze (momentan v.a. LIBOR, aber auch vom EURIBOR war schon die Rede) zum eigenen Vorteil, im Fall des LIBOR möglicherweise sogar unter Mitwisser- oder gar Mittäterschaft der Bank of England. Barclays und RBS waren auf jeden Fall mit von der Partie, Deutsche Bank und UBS werden ebenfalls genannt und werden damit nicht die letzten gewesen sein. Schaden wegen der grossen Bedeutung des LIBOR für die halbe Welt: kaum zu schätzen. Es werden zwei- bis dreistellige Milliardenbeträge herumgereicht, aber wirklich wissen kann das niemand. Dieser Fisch hat gerade erst begonnen zu stinken, und das richtig.

Nun weiss jeder, der mich kennt, dass ich seit rund zwölf Jahren mein Geld ebenfalls indirekt oder direkt in der hiesigen Finanzindustrie verdiene (wenn auch nach wie vor auf der IT-Seite der Dinge), und bei aller Sympathie für manche Ideen der Occupy-Bewegung bin ich weder Fan noch Mitglied derselben. Dass Aktien und Derivate des Teufels sind und Banken ersatzlos abgeschafft gehören, das können nur schlichte Gemüter glauben, oder tapfer mit der Klampfe gegen die Ungerechtigkeit der Welt anspielende Hippies.

Aber meine Güte, muss man sich derzeit für die Zunft schämen. Die Finanzindustrie macht es ihren Gegnern wirklich zu einfach und liefert seit geraumer Zeit gratis argumentative Munition, en gros. Dass »Vertrauen verspielt« worden wäre und »wiedergewonnen werden müsse« (so die gängigen Floskeln), das ist sicherlich die Untertreibung des Jahres. Es wäre höchste Zeit für die Rückkehr zu klassischen Tugenden.

[1] => http://www.fool.com/investing/general/2011/12/16/the-astonishing...
[2] => http://dealbook.nytimes.com/2012/07/12/at-peregrine-financial-si...
[3] => http://www.forbes.com/sites/nathanvardi/2012/07/16/did-rogue-tra...
[4] => http://www.guardian.co.uk/world/2012/aug/03/knigh-capital-group-...
[5] => http://www.reuters.com/article/2012/07/31/us-ubs-nasdaq-facebook...
[6] => http://www.forbes.com/sites/nathanielparishflannery/2012/07/25/h...

 

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