Zwei Enttäuschungen mit »X«
Donnerstag, 2016-06-30 | 0:21:47 CET
Unter diesem (zugegeben etwas gesuchten) Titel berichte ich von zwei grossen Enttäuschungen.
1. Brexit
Ja, darüber ist tatsächlich schon zuviel geschrieben worden – für ein beispielloses Debakel halte ich die Entscheidung der Briten dennoch. Der erste grosse Schock an den Börsen mag erst einmal bewältigt sein (ich bin aber skeptisch, ob sich die Kurse auf dem aktuellen Niveau werden halten können), und ja: die Erde dreht sich trotzdem weiter. Klar kann ein Land im Prinzip auch ausserhalb der EU überleben, und eine demokratische Entscheidung ist eine demokratische Entscheidung. Aber zunächst einmal sieht es so aus, als ob doch einige der Prognosen zutreffen würden, die es schon lange gegeben hatte: Firmen überlegen sich den Wegzug, das Pfund fällt in den Keller (womit für die Briten einiges teurer wird), die Banken werden gebeutelt und werden, wenn es dumm geht, staatliche Hilfe brauchen (wenn sie nicht sowieso am Tropf des Staats hängen wie etwa die RBS), das Kredit-Rating des Landes verschlechtert sich, es ist bereits von Entlassungen und drohenden Steuererhöhungen die Rede … alles nicht wahnsinnig überraschend, ausser offenbar für die Wähler, die jetzt schon kalte Füsse bekommen angesichts des Entscheids, den sie da im Übermut getroffen haben. Am lautesten jammern die Jungen, die aber am wenigsten gewählt haben! Und als bittere Pointe revidieren die grössten Verfechter des Brexit schon wieder ihre Standpunkte (Farage: das Geld statt es an die EU zu zahlen für den NHS verwenden? »Ein Fehler! Nicht meine Aussage«, Johnson: »Austritt nicht so eilig«) Man weiss nicht recht, ob man lachen oder weinen soll. Bitter ist es allemal.
2. X Files
Noch bitterer war für mich persönlich etwas anderes, und damit wenden wir uns der »leichten« Unterhaltung zu. Mittlerweile habe ich mich durch alle Folgen der neuen Staffel der »X Files« gequält, und eine Qual – die war es in der Tat. Fast so schmerzhaft wie ein Blick auf die Börsen am letzten Freitag! Anderson mag immer noch eine attraktive Frau und die deutlich bessere Schauspielerin sein, wenn sie auch verdächtig gestrafft wirkte – aber selbst sie konnte die Staffel 10 nicht vor dem totalen Absturz, den schlechten Drehbüchern sowie ihrem aufgedunsenen, dreitagebärtigen Kollegen Duchovny retten. Was ist aus dem schneidigen Burschen von damals geworden! Und trotz aller Bemühungen, die Serie in die Gegenwart zu hieven (z.B. durch Anspielungen auf Snowden), war es doch ein Kasperletheater aus der Vergangenheit, schlecht gealtert wie einige der Darsteller, und letztlich eine intellektuelle Zumutung, oder anders gesagt: ein aus der Zeit gefallener geistiger Tiefflug, der hilflose Versuch, den Kult der Neunziger wiederzubeleben. Auch damals war die Serie Trash, aber passte hervorragend zum Zeitgeist der Paranoia (und hat bei allem Ausschuss auch ein paar wenige geniale Episoden produziert). Heute wissen wir, dass alles, was wir damals nur vermutet haben, wahr ist, und sich der Staat bei der Überwachung und Steuerung der Bürger noch mehr herausnimmt, als wir es je für möglich gehalten haben. Wie auch immer, haken wir's ab – trotz aller Anstrengungen, mit viel Originalpersonal und vermutlich ordentlichem Budget die X Files in die Neuzeit zu beamen, ist nur ein lauwarmer Furz dabei entstanden, der auch den fanatischsten Fan nicht glücklich gemacht haben wird. In meinem Fall hat Season 10 jedenfalls kräftig an sehr schönen Jugenderinnerungen gekratzt. Der Schaden war durch Ansehen einiger alter Highlights (ich sage nur: »Clyde Bruckman's Final Repose«, oder »Bad Blood«, oder …) leider nur teilweise zu reparieren.


