Microfinance mit responsAbility und KIVA [FINANCE POST]
Sonntag, 2013-04-14 | 23:11:40 CET
Nach dem Selbstversuch in Sachen hochgebirgstauglicher Ernährung (siehe letzter Blog-Eintrag …) möchte ich heute noch kurz von einem anderen, ernsteren Experiment berichten. Ich will nicht missionieren – man kann zu diesem Thema auch eine ganz andere Meinung haben (dass Geld ganz generell des Teufels ist und abgeschafft gehört, zum Beispiel). Meine Meinung ist: Geld kann etwas sehr hilfreiches sein, es gehört nur richtig eingesetzt und sollte nie Selbstzweck werden. Dass der Wohlstand auf unserem Planeten höchst ungleich verteilt ist, das ist hingegen eine nicht zu leugnende, traurige Tatsache. Aber wenn das so ist, kann man ja versuchen mitzuhelfen, dass sich das ändert – langfristig und wenigstens in einem bescheidenen Rahmen.
Für einen sehr interessanten Versuch, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, halte ich die Idee des Mikrokredits [1]. Wie so oft gibt es keine Erfolgsgarantie und Schaden oder Nutzen dürfte von Details der Umsetzung abhängen. Entstehen so neue Abhängigkeiten? Weiten wir unsere Philosophie des Lebens auf Pump (die angesichts der Probleme in der Eurozone auf der Ebene der Staatsfinanzierung gerade ihre grosse Krise zu erleben scheint) auf dem Weg einfach nur auf Entwicklungsländer aus und machen Kleinunternehmer und Bauern zu neuen Abhängigen der Droge Geld? Vielleicht, aber ich glaube das eigentlich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass es ohne die Verfügbarkeit von Krediten kein gesundes Wirtschaftsleben und vor allem kein Wachstum geben kann. Wenn also jemand einen kleinen Laden eröffnen will, um zunächst sich selbst, später vielleicht auch noch ein paar anderen Bewohnern seines Dorfs einen Job zu verschaffen, dann aber daran scheitert, dass er kein Startkapital bekommt, ist das tragisch und verdammt denjenigen, sich weiter als Tagelöhner oder mit Spenden durchzuschlagen. Gerade diejenigen mit unternehmerischem Geist, Fleiss und Risikobereitschaft gehören unterstützt, und das tue ich lieber, indem ich Geld vorschiesse, statt einfach nur zu spenden. Spenden machen bequem – Geld, das ich verleihe, aber wieder zurück erhalte, kann wieder neu eingesetzt werden und dem nächsten Farmer oder Handwerker helfen. Recycling, sozusagen!
Inzwischen gibt es Anlageprodukte, die Normalsterblichen wie mir ermöglichen, Geld in den Microfinance-Kreislauf zu stecken – und sogar noch eine kleine Rendite versprechen. Wer sich weniger direkt involvieren und den eigenen Nutzen nicht ganz zurückstellen will, für den mag das ein interessanter Weg sein. Empfehlen kann ich z.B. den responsAbility-Anlagefonds [2], an dem ich mich nebenbei bemerkt im letzten Sommer beteiligt habe (Vorteil ist vor allem, dass die Wertentwicklung weitgehend unkorreliert zu der gängiger anderer Anlagekategorien verläuft, der Fonds sich also gut zur Diversifikation eignet … die Verlustrisiken sind allerdings durchaus nennenswert). Aber: das war mir nicht genug. Und jetzt kommen wir zu KIVA [3].
KIVA gibt einem die Möglichkeit, Geld für Mikrokredite zur Verfügung zu stellen, und reicht dieses Geld über lokale, geprüfte Partnerorganisationen an die Kreditnehmer weiter, die man wahlweise auch selbst aussuchen kann. Der Fokus ist hier ein anderer als bei dem Fonds; KIVA ist kein Investment-Vehikel (schon deshalb nicht, weil der Kreditzins bei den Partnerorganisationen verbleibt), sondern man betrachtet das zur Verfügung gestellte Geld besser als Spende. Keine einfache Spende, aber, sondern eine »on steroids« – kommt doch im besten Fall durch die Rückzahlung von kleinen Kreditraten der Kies wieder zurück und kann dem nächsten helfen.
Nach längerer Bedenkzeit und eingehendem Studium der umfangreichen Informationen, die KIVA auf ihrer Website publiziert, habe ich mich entschieden, das selbst zu probieren, mich anzumelden – und war begeistert. Anders als bei einer normalen Spende (i.d.R. an eine Hilfsorganisation) bestimme ich selbst den Verwendungszweck durch Auswahl der Kreditnehmer mit. Ich möchte mich vor allem in bestimmten Ländern engagieren? Kein Problem. Es liegt mir am Herzen, dass Frauen nicht benachteiligt werden, sondern im gleichen Mass zum Zuge kommen? Lässt sich arrangieren. Ich möchte vor allem Bildung fördern? Easy.
Dazu kommt etwas Positives und fast Spielerisches. Man wird nicht primär mit schrecklichen Schicksalen und Leidensgeschichten konfrontiert, sondern – das liegt auch in der Natur des Mikrofinanz-Konzepts – mit Profilen von Menschen, die etwas erreichen und selbst ihre Lebenssituation verbessern wollen. Die Bäuerin möchte noch drei zusätzliche Milchkühe kaufen, um stabilere Erträge zu erzielen und später noch jemanden einzustellen. Die Näherin möchte ihre Tochter gut ausbilden und erfragt einen Kredit zur Finanzierung der Schule. Der Handwerker will eine Werkstatt eröffnen und braucht finanzielle Starthilfe. Wow, wer hilft da nicht gerne? Das muss einen ja nicht abhalten, zusätzlich über normale Spenden an klassische Hilfsorganisationen auch den vom Schicksal besonders arg Gebeutelten zu helfen.
Was mir gefallen hat: ich sehe die Menschen, denen ich mit einem kleinen Betrag helfen kann, etwas aufzubauen. Ich kann selbst bestimmen, wem ich helfen möchte. Mir wird wieder bewusst, was Geld bedeutet – und mit wie wenig Geld sich in Entwicklungsländern viel bewegen lässt. Und last but not least: es entsteht bei KIVA ein Welt-Wir-Gefühl – es wird einem bewusst, wie klein doch letztlich unser Planet ist, und dass die Weltbevölkerung nur lernen müsste, besser »als Team« zu agieren, um viele der ganz grossen Probleme lösbar werden zu lassen. Ich freue mich jedenfalls, Teil von diesem Team zu sein, und hatte eine grosse Befriedigung beim Verteilen meiner »Spende«.
Wer sehen will, wer von mir einen kleinen Teil seines angefragten Kreditbetrags bekommen hat, kann das selbst in Augenschein nehmen [4]. Nebenbei sieht man auch, wer sonst noch alles mitgeholfen hat, eine angefragte Kreditsumme zusammenkommen zu lassen – da sind wir wieder bei der Welt als Team. Ist doch toll, dass der begabte Holzschnitzer Samvel in Armenien eine Chance bekommt, sein Geschäft zu vergrössern – mit der Hilfe von (u.a.) Johannes in Finnland, Paul in England, Stian in Norwegen, Tony in Amerika – und Jan in der Schweiz.
[1]
http://de.wikipedia.org/wiki/Mikrokredit
[2]
http://www.responsability.com/
[3]
http://www.kiva.org/
[4]
http://www.kiva.org/lender/dgbrt


