Das Erwachen der Macht – oder: ein herrlich altmodisches Kinoerlebnis
Montag, 2015-12-21 | 0:23:02 CET
Auch ich konnte mich dem Hype nicht entziehen, war am Samstag im »Erwachen der Macht« – und was soll ich sagen, es war herrlich.
Man merkt dem Streifen an, dass er nicht nur mit grossem finanziellem und sonstigem Aufwand, sondern auch viel Liebe gemacht ist. Da waren Fans am Werk, die sich Mühe gegeben haben, das Kinoerlebnis des Originals in die heutige Zeit zu übertragen. Die Schnitte sind schneller, die Effekte (natürlich) besser, vielleicht die eine oder andere Explosion grösser – die Faszination ist dieselbe geblieben.
Eine nicht wahnsinnig tiefgründige, aber doch sehr unterhaltsame und vor allem universelle Geschichte, mit der jeder etwas anfangen kann; ein bunter Blumenstrauss an exotischen Schauplätzen und tollen Bildern, fantasievoll ausgedachten Kreaturen und netten kleinen Gags (darunter viele Anspielungen auf die alten Filme), eine stimmige Atmosphäre und krachende Action. Realismus hingegen wird eher nicht so gross geschrieben (da gibt es eine deutliche Parallele zu einem anderen Evergreen des westlichen Kinos, James Bond), aber das spielt schlicht keine Rolle. Sollen ruhig auch im Jahr 2015 noch Raumschiffe mit deutlich hörbarem Geräusch durch's All sausen …
Lobend zu erwähnen sind die gelungenen neuen Charaktere: der sympathische Überläufer Finn (gut gespielt von John Boyega) und die toughe Schrottsammlerin Rey (exzellent: Daisy Ridley), die im einen Moment zart und verletzlich wirken kann und im nächsten ebenso rotzig und stahlhart. Es ist eine Freude ihr zuzusehen, wie sie die Schurken reihenweise erledigt, und eine weibliche Heldin tut dem Film sehr gut (sorry, dagegen wirkte Leia damals reichlich blass). – Am gelungensten vielleicht der neue Droide namens BB-8, dem von der ersten Sekunde an alle Herzen zufliegen, und darin liegt auch eine grosse Kunst: einer Maschine so viel Seele zu geben.
Aber hat mich der Film berührt? So unterhaltsam und gut gemacht er sein mag – wirklich berührt hat mich vor allem, ein paar der stark gealterten Helden der Original-Trilogie wieder auf der Leinwand zu sehen. Es macht einem schmerzlich bewusst, wie viel Zeit vergangen ist, und dass der Zahn dieser Zeit eben auch an Helden nagt. Nur fair, ich bin auch nicht mehr so frisch wie 1983.
Ein paar Macken sollen auch nicht unerwähnt bleiben: die Handlung wirkt doch für einen grösseren Teil der Zeit wie eine Kopie der alten Filme (ich will hier nicht in's Detail gehen), die Tentakelmonster sind ein wenig albern, die Ansprache von General Hux vor seinen Stormtroopers ist mir zu deutlich auf »drittes Reich« gebürstet, und der Bösewicht mit der Maske hätte selbige besser nicht abgesetzt, ein Milchbubi mit langen Haaren will da niemand sehen. Aber geschenkt. Der Film hat mir trotzdem gefallen.
Denn das Schönste am »Erwachen der Macht« ist wohl, dass ich mich im Kino wieder gefühlt habe wie der kleine Knopf der ich war, als ich die Original-Trilogie gesehen habe, und ich war damals ganz bestimmt noch nicht die zwölf Jahre alt, die ich offiziell hätte sein müssen. So soll Kino sein: man vergisst für ein, zwei Stunden alles, und staunt, und macht grosse Augen, und wird wieder zu einem kleinen Bub. Und das dürfte neben mir noch fast allen Männern in dem Saal so ergangen sein. Und vielleicht auch den Frauen.
Nachtrag, 2015-12-21: … und apropos Rey – blutjung, die Frau, und wie ich lese war das ihre erste grosse Rolle [1]. Erstaunlich, und eine tolle Leistung! Hoffentlich steigt ihr der Erfolg nicht in den Kopf.
[1]
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/kino/eine-galaktische-karrier...
Und ach ja: Bond
von Jan - Dienstag, 2015-12-22 | 23:22:01 CET
Heute kann ich ein paar Worte zum aktuellen Bond-Film nachschieben, denn den habe ich jetzt auch gesehen, und gerade im Vergleich zu meinem Star Wars-Erlebnis fallen dabei noch ein paar Erkenntnisse ab.
1. Ein noch gigantischeres Budget (IMDB: »Spectre« geschätzt USD 245 Mio, »The Force Awakens« geschätzt USD 200 Mio) macht nicht zwangsläufig den besseren Film. Ein kompletter Wahnsinn ist beides.
2. Es ist nie gut, wenn das Publikum ernst gemeinte Stellen so unfreiwillig komisch findet, dass im Saal Gelächter ausbricht (Bond).
3. Alle Perfektion der Effekte und der Bilder, alle tollen Einzel-Sequenzen (das Festival zu Beginn!), >10 verschlissene Supersportwagen und ein paar atemberaubend schöne Frauen reichen nicht. Wenn einen der Film kalt lässt, ist alles verloren.
4. Ein Teil des Problems: Filme wie »Star Wars« setzen erst einmal eine massive suspension of disbelief voraus, sind – wenn gut gemacht – dann aber in sich schlüssig und glaubhaft. Der aktuelle Bond ist eine Aneinanderreihung von Szenen, bei denen jede einzelne in Sachen Unglaubwürdigkeit völlig »off the scale« und gar nicht mehr messbar ist. In Summe ist es wie Kindergeburtstag, lustig, aber einfach Quatsch.
5. Ein weiterer Teil des Problems: anders als bei der »Force« waren mir die Charaktere in »Spectre«, wenn man die Pappkameraden überhaupt so nennen will, vollkommen lang wie breit.
6. Und noch eine komische Eingebung, heute während »Spectre«: vielleicht werde ich für den Schmarrn einfach zu alt. Was ja schon ulkig ist. Man hätte erwarten müssen, dass mich dieser Gedanke bei »Star Wars« beschleicht, nicht bei Bond.


