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Ein Land auf Achse

Sonntag, 2016-09-25 | 22:17:03 CET

Nach der Rückkehr von einer ausgedehnten Kalifornien-Rundreise ist mir ein bunter Strauss an ganz unterschiedlichen Eindrücken und Erinnerungen geblieben – Erinnerungen an unverschämt schöne Landschaften, aber auch eine chaotische halb-urbane Ödnis aus Supermärkten, Baracken, Werbung, Parkplätzen, Drive-through-Cafés und Werkstätten bis zum Horizont. An ausufernde Städte wie kleine Bilderbuch-Ortschaften, in denen die Zeit vor fünzig Jahren stehengeblieben zu sein scheint. Nächte in der Yoga-inspirierten Motor Lodge, im Art Deco-Hotel und in der Zelthütte (Yosemite Valley). Vielfältig war es, bunt, die Menschen, auch wildfremde, fast unnatürlich freundlich. Wer in Zürich würde schon zwei Touristen mit dem Stadtplan in der Hand nicht nur spontan helfen, den rechten Weg zu finden, sondern auch noch gleich ein Uber-Taxi organisieren – und für die Fremden bezahlen? Uns ist das in San Francisco passiert.

Zugleich waren wir mit einem Land konfrontiert, in dem die Schere zwischen Arm und Reich vielfach weiter auseinanderklafft, als wir uns das hier in Europa vorstellen können – wobei die Grenzen zwischen besseren und schlechteren »neighbourhoods« ausgesprochen fliessend sind. Im einen Moment noch in einem Villenviertel, ist man nur einen Block weiter mit brutalster Armut konfrontiert. Menschen, die offenkundig auf der Strasse leben und buchstäblich im Dreck sitzen, gibt es fast überall. (So stark ist uns das vor allem, aber nicht nur in LA aufgefallen.) Bitter.

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Was mir auch bleibt, ist die Erkenntnis, dass irgendwie alles zusammenhängt: die enorme Weite, die grossen Flächen. Damit fällt jeglicher Zwang zum Platzsparen weg – und es ist gar kein Problem, wenn eine Stadt sich wie LA über rund 1'300 Quadratkilometer erstreckt und zu guten Teilen ein- oder zweistöckig gebaut ist. Verdichtung? Nicht hier. Genauso wenig ist es ein Problem, vor jedem mittleren Supermarkt mehrere hundert Parkplätze anzubieten. Die man dann auch braucht, weil die Distanzen ohne Auto gar nicht zu bewältigen sind, ergo jeder Auto fährt, und das immer und überall. Das Analogon zu den Parkplätzen sind die endlosen Höfe der Autohändler, bei denen man zwischen einigen hundert Fahrzeugen wählen und sie direkt ab Platz kaufen kann. Fläche ist günstig! – In Ballungsräumen fallen die Autobahnen entsprechend aus (fünf oder sechs Spuren je Fahrtrichtung – aber sicher!), und auch sonst ist alles mit dem Auto und für das Auto und um das Auto herum geplant. Eine ganze Nation auf Rädern … was würde der durchschnittliche Angeleno sagen, hörte er von Zürichs restriktiver Parkplatzpolitik? Er würde verständnislos mit dem Kopf schütteln, in seinen Pick-up von der Grösse eines Einfamilienhauses steigen und mit röhrendem V8 losdonnern.

 

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