Besorgte Fachleute
Montag, 2008-09-29 | 22:51:42 CET
Schlimme, ja: schlimmste Nachrichten neulich in 20 Minuten, einem nicht wahnsinnig anspruchsvollen, dafür um so mehr gelesenen Blatt. »Fachleute besorgt«, heisst es da: »Mundart wird zunehmend teutonisiert«. Und weiter: »Deutsche gefährden unsere Mundart«. Skandal! Wobei, zugetraut habe ich diesen Deutschen ja schon immer fast jede Schandtat. Nehmen sie doch (wie ich) guten Schweizern die Arbeitsplätze und ein noch bedeutend knapperes Gut, Wohnraum nämlich, weg (wie ich), und gehen ihrer Umwelt mit arrogantem Auftreten und vor allem – am schlimmsten! – Sprachgewandtheit auf den Geist. So jedenfalls die gängigen Vorwürfe.
Aber ja, es kommt noch dicker. Nun fällt ihnen (also mir) auch die schöne Schweizer Mundart zum Opfer. »Geschliffenes Deutsch« brächten die Einwanderer in die Schweiz mit (ich kenne nicht gar zu viele Deutsche, die wirklich geschliffenes Hochdeutsch aus dem Lehrbuch sprechen, aber tja … schlechter Umgang auf meiner Seite vielleicht). »Und auch ihre Sprache macht sich hier breit« (Anm.: ganz wie die Deutschen) »- auf der Strasse beim Plaudern ebenso wie in Zeitungen und Zeitschriften«. Dass in der deutschsprachigen Schweiz die meisten gedruckten Publikationen grundsätzlich nicht im SMS-Stil, also nach Gutdünken geschriebenem Dialekt, sondern Hochdeutsch erscheinen, und das schon eine ziemlich lange Zeit, ist den Schreibern bei 20 Minuten offenbar noch gar nicht aufgefallen. Pardon, Andy Fischer. So heisst der Verfasser.
»Grillen« statt »grillieren«, »Urlaub« statt »Ferien« – das kann einem tatsächlich nur Schauer den Rücken hinunterjagen. Entsprechend besorgt zeigen sich eben jene Experten, die sich nicht zu schade sind, sich namentlich zitieren zu lassen. Es sei eine schleichende Umwandlung zu erkennen, so etwa ein gewisser Peter Heisch vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache [1]. Er halte diesen Trend für bedenklich. Dass Sprache schon immer etwas Lebendiges, sich Veränderndes war, dass Sprache nicht definiert und festgezurrt werden kann, sondern sich mit dem Gebrauch entwickelt, je nach Zeitumständen mal in diese, mal in jene Richtung, und dass z.B. auch in das Hochdeutsche viele französische Wörter schon vor langer Zeit Eingang gefunden haben (jüngst natürlich viele englische), ohne dass die deutsche Kultur gleich daran zugrunde gegangen wäre, all das ficht ihn nicht an. Auch nicht der schöne Satz auf der Homepage, Verzeihung, Startseite, seines Vereins – »Die erklärten Ziele (des Vereins, Anm.d.Verf.) waren schon damals die Pflege der Muttersprache in ihren beiden Formen Hochdeutsch und Mundarten sowie die Wahrung des Sprachfriedens in der Schweiz«. Sympathisch. Da möchte man gleich beitreten.
Ich für meinen Teil mag die Schweizer und ihr schönes Land immer noch, trotz manchen Misstons im Verhältnis zwischen den Einheimischen und den »Düütschen«, der sich in letzter Zeit eingeschlichen hat. Und von Beginn weg habe ich den wunderbaren Schweizer Dialekt geschätzt, neugierig erkundet und respektiert – wobei sich der Respekt auch darin ausgedrückt hat, dieser Sprache keine Gewalt anzutun, indem ich sie wie eine Fremdprache zu erlernen und sprechen versuche. Stattdessen habe ich mich selbst auf die »schleichende Umwandlung« eingelassen und bin inzwischen mit einem gesunden Sprach-Mischmasch unterwegs.
Schade, liest man dann einen solchen Artikel, und das noch kurz nach dem Frühstück.
20 Minuten freilich ist in Sachen Deutschenhatz noch eher harmlos im Vergleich zum Blick, der mit schöner Regelmässigkeit mit fast schon ausländerfeindlich zu nennenden Schlagzeilen auf Leserfang geht. Insofern alles in Ordnung und kaum der Aufregung wert. Bis dann der nächste selbsternannte Landesverteidiger mit dem Messer Reifen (Entschuldigung, »Pneus«) von Fahrzeugen mit deutschen Kennzeichen zersticht, wie unlängst in Zürich mehrfach geschehen.
[1]
http://www.sprachverein.ch/


