Wien
Dienstag, 2006-08-01 | 11:56:09 CET
Zurück aus Wien – nachfolgend ein fragmentarischer Erlebnisbericht und Reiseführer. Garniert mit ein paar schönen Links.
Eine Frage der Unterkunft
Auch in der schönsten Stadt braucht man erstmal eine Unterkunft. Und in Wien, da habe ich glücklicherweise eine prima Unterkunft gefunden – das Hotel Altstadt Vienna [1]. Mein Matteo-Thun-Zimmer war atemberaubend schön (das Bild gibt einen Eindruck) und jeden Cent wert, das Preis-Leistungsverhältnis ist über jeden Zweifel erhaben und dürfte besser sein als bei so ziemlich jeder Schweizer Herberge. Insbesondere aber hat es: Charme. Die kalte Perfektion, das Glatte, Unnahbare, das so manches Luxushotel kennzeichnet – hier gibt es das nicht, stattdessen etwas Gemütliches, Warmes, Persönliches, einen Wohlfühlfaktor. Toll!

Nebenbei gesagt liegt es auch sehr günstig, die meisten Sehenswürdigkeiten der Wiener Altstadt liegen in Gehreichweite. Die Gegend ist sehr angenehm und hat ein bisschen szeniges Kreis-4-Flair, ist also kein Reichenghetto oder steriles Villenviertel, sondern höchst lebendig und einen ausgedehnten Erkundungsspaziergang wert.
[1]
http://www.altstadt.at/
Kaffeehauskultur und Kulinarisches
Kein Wien-Besuch kommt ohne einen oder mehrere Abstecher in die berühmten Kaffeehäuser aus. Nachdem ich bei einem geschäftlichen Wien-Aufenthalt vor einigen Jahren leider gar nicht dazu gekommen war, hatte ich ein starkes Nachholbedürfnis. Bei meinen umfangreichen Stadtspaziergängen hatte ich zahlreiche Gelegenheiten, die lokalen Kaffeespezialitäten zu probieren, darunter im berühmten Central [2], im Landtmann [3] beim Burgtheater, im etwas kleineren, aber sehr hübschen Diglas [4] in der Nähe des Stephansdoms, und schliesslich noch im Café Museum [5]. Jedes mit einem eigenen Flair, höchst aufmerksamem Service, Gratis-Zeitungen und keinerlei Zeitdruck. Eine herrliche Sache, und wem Spezialitäten wie ein »Franziskaner« nicht munden, der kann ja auch einen Prosecco bestellen. Daran könnte man sich gewöhnen! Und der Rest der Welt, insbesondere Zürich, könnte sich gerne ein Scheibchen von der Wiener Kaffeehauskultur abschneiden. Hier in Zürich hat man häufig das Gefühl, man würde als Gast als lästiges Übel empfunden. Und wehe, man bestellt nicht sofort nach, wenn die Tasse leer ist … sonst gibt es böse Blicke. Von Gratiszeitungen nicht zu reden.
Dass die Kaffeehaustugenden auch in modernen, schicken Lounge-Bars anzutreffen sind, zeigte übrigens ein Besuch im Lutz [6] an der Mariahilfer Strasse, das ich uneingeschränkt empfehlen kann. Einen Zusammenhang zwischen gutem Service und hundertjährigen Kronleuchtern gibt es also nicht.
Neben meiner Kaffeebegeisterung konnte ich auch einer weiteren Leidenschaft frönen – ich liebe Zwiebelrostbraten. Hier muss ich dem Bellaria [7] ein Lob aussprechen; nicht nur war der Zwiebelrostbraten dort besonders lecker, sondern auch der persönliche, gut gelaunte Service war toll. Man brachte mir extra eine Zeitung, um die Zeit nicht lang werden zu lassen, bis das Essen fertig war, und bot auch noch einen Klavierspieler auf, mich mit Musik zu erfreuen – und das, wo ich doch an jenem Abend anfänglich der einzige Gast war. Rührend.
[2]
http://www.palaisevents.at/palais-ferstel.html
[3]
http://www.landtmann.at/
[4]
http://www.diglas.at/
[5]
http://www.cafe-museum.at/
[6]
http://www.lutz-bar.at/
[7]
http://www.cafebellaria.at/
Kultur Komma sonstige
Neben gutem Essen und leckerem Kaffee bietet Wien vor allem Kultur im Überfluss. Für mich als Kunstinteressierten und Vermeer-Fan war natürlich das Kunsthistorische Museum [8] absolute Pflicht; die dortige Gemäldegalerie bietet grossartige Bilder, nahezu alles, was Rang und Namen hat. Darunter bekannte Gemälde wie z.B. den »Turmbau zu Babel« (Bruegel d.Ä.) oder den herrlichen trinkenden König von Jordaens. Und natürlich: einen Vermeer, die »Malkunst«. Der erste, den ich »in echt« bestaunen konnte, bis dahin kannte ich meinen Vermeer nur aus Bildbänden. Fast genauso sehenswert wie das KHM ist die Galerie der Akademie der bildenden Künste [9] am Schillerplatz, dort ist vor allem das Weltgericht von Hieronymus Bosch ein Highlight. Beide Museen allerdings haben einen etwas muffigen, altmodischen Charme, knarziges Parkett inklusive … man sollte sich nicht davon abschrecken lassen.
Wer's gern modern, bunt, kreativ und vielfältig hat, ist im riesigen MuseumsQuartier [10] richtig. Dort kann man stundenlang auf Entdeckungsreise gehen, sei es z.B. im Leopold-Museum [11], das vor allem für Schiele-Fans eine wichtige Adresse ist, oder in dem Dschungel von Galerien, Sonderausstellungen (interessant war die über Gödel), Boutiquen und Shops, bei denen man gar nicht immer sicher ist, was man gerade vor sich hat … gefallen hat mir da vor allem Subotron [12], ein Laden (?), der eine tolle Kollektion klassischer elektronischer Spielgeräte auf Lager hatte, darunter auch das gelbe, tellerrunde »Pac Man« [13], das ich noch aus meiner Kindheit kenne (schnief). Das hatte ich nämlich auch.
[8]
http://www.khm.at/
[9]
http://www.akademiegalerie.at/
[10]
http://www.mqw.at/
[11]
http://www.leopoldmuseum.org/
[12]
http://shop.subotron.com/
[13]
http://www.handheldmuseum.com/Tomy/PacMan.htm
Ein Ausflug in's Nachtleben
An einem schwülwarmen Freitagabend war eine Entdeckungsreise angesagt: Geplant war die Erkundung des durchaus reichhaltigen Nachtlebens in der Gegend um das Hotel in Verbindung mit Feldforschung in Sachen lokaler Biere. Der Startschuss allerdings erfolgte im Seven Cocktails [14], einer Cocktail-Bar, und da kann man ja schlecht Bier bestellen. Nach Studium der umfangreichen Karte (etwa ein halber Quelle-Katalog) entschied ich mich für einen appetitlichen Ritz . Weiter ging's in's nahe Lux [15]; die Bedienung dort glänzte mit guter Laune, Engagement und Kundenfreundlichkeit und riet zum Murauer statt zum Hirter Pils vom Fass, letzteres sei »heute leider ein wenig warm«. Guter Tipp, das Murauer war kühl und lecker, den so überzeugenden Service wusste ich zu schätzen. – Weiter ging's im direkt nebenan liegenden Plutzer Bräu [16], einer Restaurant-Bar mit alternativem Charme. Dort wusste die bedienende Dame leider nichts vom Spezialbier auf der Karte, brachte aber gerne ein süffiges Zipfer Pils. Auch gut. Das Niveau der Gaststätten flachte in der Folge leider ab; schon das nachfolgende Centimeter II [17] hatte eine eher bodenständige Karte und eine Bedienung mit rauem Charme. Dort gab's dann das Hirter Pils, das mir vorher entgangen war, aber 0.3l, nicht nur »einen Pfiff«, was nämlich nur 0.2l sind, wie ich mir erklären liess. Der Tiefpunkt des Abends (aber mit viel unfreiwilliger Komik), das war dann das Blue Corridor [keine Website …] schräg gegenüber. Ein bizarres Erlebnis. Klein, insgesamt eher düster, blaue Beleuchtung, das Publikum eher unter 18 als darüber und eine Unverständliches nuschelnde Thai in den Mittvierzigern mit wasserstoffblond gefärbten Haaren und Killer-High-Heels als Bedienung; das lauwarme Wieselburger Gold ging da nur schwer die Kehle hinunter. Zum Trost nahm ich auf dem Rückweg beim Seven Cocktails noch einen Dimple ohne Eis mit. Ein insgesamt gelungener Abend.
[14]
http://www.7en.at/
[15]
http://www.lux-restaurant.at/
[16]
http://www.plutzerbraeu.at/
[17]
http://www.centimeter.at/
Rückflug
Der Tag des Rückflugs kam viel zu schnell; um das herrliche Wien wirklich auszukosten, bräuchte es wohl (mindestens) fünf Wochen, nicht fünf Tage. Wie auch immer, am Tag der Rückreise kam ich in den Genuss der Wunder moderner Airline-Allianzen. Der Check-In, obgleich ich Swiss gebucht hatte, fand eben nicht an einem Swiss-Schalter (Terminal 2), sondern bei Austrian (Terminal 1) statt, der Flug war dann aber einer der »Austrian Arrows – operated by Tyrolean« im Code-Sharing mit einer Handvoll anderer Airlines, und vermutlich hat jeder einzelne der Mitfliegenden bei einer anderen Linie gebucht und einen anderen Preis bezahlt. Die Maschine ging in Ordnung, die Stewardessen waren ausgesprochen attraktiv (da lässt man sich nicht zweimal bitten, im Notfall für das Öffnen der Notausstiegstür zu sorgen, denn eben vor selbiger war ich platziert) – dafür gibt's bei den Arrows nichts umsonst, weder an Nahrung noch Getränken, ganz im Stile der Billigflieger, die ja so populär geworden sind. Nun, man kann nicht alles haben.
Ah, und woran erkennt man, dass ein Flug in die Schweiz geht? Im Wartesaal nach der Passkontrolle begegnet man Jugendlichen mit Laptop-Tasche und einer 6400-Franken-Rolex, und die junge Familie mit den zwei nervigen Kindern fliegt Business. Den Menschen geht es einfach zu gut.


