Geduldet, aber nicht willkommen?
Montag, 2009-06-01 | 13:47:12 CET
In der Schweizer Ausgabe der ZEIT ist vor zwei Wochen ein nicht uninteressanter Artikel erschienen, den man auch online nachlesen kann [1]. Der Autor, Deutscher, hat sich nach einem Jahr Aufenthalt in der Schweiz entschieden, das Land wieder zu verlassen und heimzukehren. »Du bist geduldet, aber nicht willkommen«, beschreibt er zusammenfassend seine Erfahrungen, und schildert auch einige Beispiele der alltäglichen Ab- und Ausgrenzung. »Nirgends in Europa bin ich so Ausländer wie hier« – hat er Recht?
Ich würde kein Fragezeichen hinter den Titel meines Blog-Postings setzen, wäre ich mit dem Text restlos einverstanden. Marusczyks Verrenkungen beim Bestellen in Cafés und Geschäften sind mir fremd, mit normaler Höflichkeit bin ich noch fast immer zum Ziel gekommen (das nicht nur in Schweizer, sondern auch meinen Ohren eher barsche »Ich bekomme ein …« war mir schon in Deutschland unsympathisch und nie mein Stil). »Die Verkäuferinnen knipsen ihr Lächeln aus …«, da mag auch ein wenig Paranoia dabei sein; dass Arbeitskollegen in der Schweiz in der Regel mehr Distanz halten (und das auch zu Schweizern), das ist Teil der Mentalität hier im Lande und sollte man wohl besser nicht zu persönlich nehmen. Und schliesslich: Nach nur einem Jahr in einem fremden Land schon über eine Fülle von Sozialkontakten und einen nennenswerten Freundeskreis zu verfügen, das gelingt einem vielleicht in Amerika, wo man in Bars keine Viertelstunde unangesprochen bleibt (die schnellen Kontakte dann allerdings auch meist oberflächlich bleiben), aber ganz sicher in keinem europäischen Land, der Schweiz auch (oder erst recht) nicht. Vielleicht hat der Autor da die Flinte einfach zu früh in's Korn geworfen, bei mir hat das auch mehrere Jahre gedauert, bis die gröbste Einsamkeit überstanden war.
Leider aber steckt auch viel Wahres in Marusczyks Text. Es stimmt: die Stimmung ist sehr deutlich gekippt. Der besagten Radiomoderatorin wurde nicht nur der Wagen beschädigt, sie bekam (so konnte man der Presse entnehmen) auch üble Schmähbriefe bis hin zu Drohungen mit der Gaskammer. Waren »die Deutschen« früher lediglich nicht sonders geschätzt ob ihrer (vermeintlichen) sprachlichen Überlegenheit, ihres manchmal eher als laut und arrogant empfundenen Auftretens (dem war leicht entgegenzuwirken), so sind sie jetzt eine »Masse« von Einwanderern, die Schweizern die zumal in der Krise knappen Jobs, am Ende gar noch die Frauen wegnehmen oder, so war das durchaus auch schon nachzulesen, die »Sozialkassen plündern«. Da kann einem wirklich nicht mehr wohl sein, und es braucht ein gewisses Selbstbewusstsein, sich noch als Deutscher klar zu erkennen zu geben. Im Grunde eine lehrreiche Erfahrung; so müssen sich Türken in Deutschland gefühlt haben, vielleicht in der Generation nach der Ankunft der ersten Gastarbeiter. Hier bin ich der Gast und nicht immer nur geschätzt und beliebt.
So muss ich mittlerweile sagen: es ist eine ambivalente Sache. Wäre ich nicht schon viele Jahre hier und hätte inzwischen deutlich Wurzeln geschlagen (Schweizer Partnerin inklusive), mir wäre es auch nicht mehr immer ganz wohl – mein Glück ist wohl, zu einer Zeit in die Schweiz gekommen zu sein, als die Eingewöhnung auch schon nicht einfach, aber absolut möglich war und meine ersten Kontaktpersonen, die Vermieterin, der Hauswart, die Nachbarn mich noch ausgesprochen freundlich und vorurteilsfrei empfingen. Wäre das heute auch noch so? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Was mir damals geholfen hat, sollte aber auch heute noch helfen: sich wie ein Gast benehmen, der die Mentalität, Sitten und Gebräuche der Gastgeber respektiert. Eine gesunde Bescheidenheit und Offenheit mitbringen. Den schmalen Mittelweg finden zwischen Anbiederung oder gar Selbstverleugnung (darunter fällt bei mir der sinnlose Schwyzerdüütsch-Kurs) und deutscher »Hoppla, jetzt komm ich«-Attitüde. Eine realistische Erwartungshaltung. Humor.
Und wenn bei einer Fussball-EM oder WM mal wieder das ganze Land den Gegner der Deutschen anfeuert – zuhause bleiben, die deutsche Fahne (so vorhanden) einrollen, die Jalousie herunterlassen und den Fussball Fussball sein lassen.
[1]
http://www.zeit.de/2009/21/CH-Marusczyk?page=1


