Das reisende Synthesizer-Museum
Dienstag, 2008-05-06 | 23:57:49 CET
Nachtrag zu einem Konzert, das ich am letzten Samstag habe miterleben können: Jean Michel Jarre [1], inzwischen gealterter Haudegen der elektronischen Klangsynthese, gastierte im Zürcher Hallenstadion mit einer Kollektion historischer Synthesizer (sowie einem Theremin!), die eher an ein reisendes Museum denn an den Aufbau einer Band erinnerte.
Hohepriester der Maschinen. Ich wusste nicht recht, was mich erwarten würde; der Name war mir natürlich ein Begriff, gesehen oder gehört hatte ich Jarre aber bislang nie, mindestens nicht bewusst. Ich war dann nicht wenig erstaunt, als ein nicht mehr ganz junger, aber ausgesprochen dynamisch wirkender Musiker in die Halle stürmte, den man vom Look her eher für einen Schlagersänger als einen Pionier der elektronischen Musik hätte halten können. An Elan fehlte es ihm und seinen drei Mitstreitern nicht, und so zelebrierte Jarre seine Kunst mit Hingabe und Körpereinsatz, nicht ohne sich immer wieder feiern zu lassen von den Zuhörern.
Klang der Vergangenheit. Zwar scheint sich der Meister von den ganz grossen Lightshows verabschiedet zu haben (es gab nur eine wechselnd bunte Beleuchtung, einen von der Decke herabgelassenen Spiegel und zwei eingespielte Videos), aber die lenken eigentlich auch nur ab. Musikalisch war die Darbietung interessant, aber für mich nicht wahnsinnig mitreissend. Vielleicht habe ich einfach schon zu viele Klangbastler gehört, die sich weiter ab vom Mainstream tummeln (dafür aber keine Hallen füllen, sondern bestenfalls den Walcheturm) und kreativ mehr wagen als jemand wie er.
Die Avantgarde der Siebziger wirkt heute eben doch ein wenig altmodisch – die Zeiten haben sich verändert, Jarre hingegen erschien in Zürich als stehen Gebliebener. Was nicht seinen Status als Held der elektronischen Musik in Zweifel ziehen soll (und für seine zahlreich angereisten Fans, die voll und ganz hinter ihm stehen, ist er sowieso der Allergrösste). – Eine faire Kritik? Vielleicht nicht. War doch das Konzert in Zürich zugegebenermassen mit der fast ausschliesslichen Darbietung seines grossen Hit-Albums von 1977 (!), Oxygène, ganz bestimmt nicht repräsentativ für sein gesamtes Schaffen. Interessant war's unter dem Strich allemal, und für mich als Fan elektronischer Klangerzeugung ein Erlebnis, wenn auch ein eher kurzes.
[1]
http://www.jeanmicheljarre.com/
Dein Review wird Schubsi nicht gefallen ;-)
von Mirko - Mittwoch, 2008-05-07 | 0:10:26 CET
Altmodisch und stehen geblieben? Nicht wahnsinnig mitreissend? Also, ich gehe mal davon aus, dass Schubsi als alter JMJ-Fan bereits an einer Gegendarstellung arbeitet ;-)
Gegendarstellung … ;-)
von Schubsi - Mittwoch, 2008-05-07 | 10:30:32 CET
Hallo Mirko, Hallo Jan,
was soll ich sagen, wenn ich gewusst hätte, dass Jean Michel Jarre in Zürich gastiert, dann wäre ich sicher mit auf das Konzert gegangen. Das ist etwas, was ich schon immer mal erleben wollte. Wobei die Zeiten, als er ganze Städte (oder zumindest Stadtteile) für seine Darbietungen »brauchte« ja nun offensichtlich vorbei sind.
Schade finde ich, dass er (fast?) nur alte Sachen zum Besten gegeben hat. Denn er war auch nach 1977 noch fleißig, was seine Discographie ja zeigt. Und er beschreitet immer noch pionierartig Neuland, denn sein Album »Aero« ist zum Beispiel in wirklich faszinierendem Mehrkanal Sound aufgenommen (und nur über eine entsprechende Anlage wirklich zu genießen).
Wie auch immer, dass Jan diese Art Musik nicht sooo zusagt hätte ich vorher sagen können. Das ist doch alles viel zu melodisch. ;-)
So long,
Schubsi
Tja …
von Jan - Donnerstag, 2008-05-08 | 9:16:55 CET
JMJ in Ehren, und entgegen anderslautenden Gerüchten bzw. böswilligen Unterstellungen habe ich mit Melodien kein Problem :-) – Aber ein Konzert, in dem für relativ viel Geld eine Stunde lang eine dreissig Jahre alte Platte (plus zwei, drei zusätzliche Tracks) heruntergenudelt wird, die aus heutiger Sicht wirklich nicht mehr ganz so spannend ist, und dann ist die Veranstaltung zuende, das ist halt wirklich nur für Die-hard-Fans, und zu denen zähle ich nunmal nicht (und es wird auch keiner mehr aus mir). Aber die Halle war halbwegs voll und die besagten Die-hard-Fans glücklich.


